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Gerontopsychiatrie-Weiterbildung: Lösungen für die Pflegepraxis

Erstellt von Karina Caspers |

Bei der Zertifikatsübergabe wird deutlich: Die Abschlussarbeiten der Fachkräfte schaffen konkrete Lösungen für den Pflegealltag und stärken die Qualität in den Einrichtungen.

Ein feierlicher Nachmittag im Bildungshaus der AKADEMIE² in Offenburg markiert den Abschluss eines intensiven Jahres: Bei der Zertifikatsübergabe der Weiterbildung zur Fachkraft für Gerontopsychiatrie blicken Absolventinnen und Absolventen, Trägervertreter*innen und Lehrende auf zwölf prägende Monate zurück. 

Schulleiter Walter Anton hebt in seiner Eröffnungsrede die tiefere Bedeutung dieser Bildungsmaßnahme hervor: „Wir haben einen innovativen Weiterbildungsverlauf etabliert, der zukunftsweisend ist: Die einjährige Fachweiterbildung zur Fachkraft für Gerontopsychiatrie und die zweijährige Weiterbildung zur Fachkraft für Psychiatrie liefen integriert ineinander – davon profitieren Einrichtungen und Teilnehmende gleichermaßen.“

Hinter diesem Modell steht eine direkte Antwort auf die Realität der Pflegelandschaft in Baden-Württemberg: Wo früher starr zwischen klinischer Akutpsychiatrie und stationärer Altenhilfe getrennt wurde, löst dieser synchrone Ansatz bestehende Schnittstellenprobleme auf. Da Einrichtungen stationärer Langzeitpflege zunehmend komplexere psychiatrische Krankheitsbilder versorgen und Akutkliniken immer mehr dementiell veränderte Patient*innen aufnehmen, sichert die Zusammenlegung einen gegenseitigen Kompetenztransfer: Die Teilnehmenden der Gerontopsychiatrie gewinnen essenzielles Handlungswissen für akute psychische Krisen, während Fachkräfte der allgemeinen Psychiatrie ihr Spektrum um spezialisierte Demenz- und Biografiearbeit erweitern. Das Ergebnis ist eine zukunftsfähige Qualifikation, die Versorgungsbrüche vermeidet und den Trägern ein breit aufgestelltes, hochflexibles Expertenteam garantiert.
 

Pflegekräfte als Gestalter 


Ein zentrales Thema der Feierlichkeit bildeten die praxisbezogenen Abschlussarbeiten. Unter der Begleitung von Kursleiterin Carine Fischer  und dem Dozententeam entstanden Projekte, die weit über den theoretischen Wissenserwerb hinausgehen. Sie erbringen den eindrücklichen Beweis, wie unverzichtbar die Rolle professioneller und fachspezifisch weitergebildeter Pflegekräfte im Versorgungssystem ist.

Weil Pflegepersonen den engsten Bezug zu Bewohnern und Patienten haben, können sie fundierte Langzeitbeobachtungen von Verhaltensweisen und Systemabläufen leisten. Kursleiterin Carine Fischer unterstrich in ihrer Rede die Unersetzbarkeit menschlicher Exzellenz, gerade in Zeiten des technologischen Wandels: Auch wenn moderne Hilfsmittel wie Künstliche Intelligenz in der Weiterbildung zur Recherche erprobt wurden, bleibt die Kernkompetenz unersetzbar menschlich. Sie sagt: „Eine KI kennt weder die Einrichtung noch die individuellen Lebensgeschichten der Betreuten. Die fachliche Bewertung, das Abwägen und die emotionale Verantwortung verbleiben zu 100 Prozent bei den Pflegenden.“
 

Fachlicher Mehrwert für die Träger 


Für die entsendenden Einrichtungen und Träger stellt diese Weiterbildung weit mehr dar als eine reine Personalschulung auf dem Papier. Durch das Prinzip, dass jede Abschlussarbeit ein konkretes Problem des eigenen Einrichtungsalltags aufgreifen und lösen muss, trägt die AKADEMIE² direkt zur nachhaltigen Qualitätsverbesserung vor Ort bei.

Dieser Synergieeffekt bietet den Trägern sowohl einen fachlichen als auch finanziellen Nutzen. Denn in die Betreuung der Arbeiten fließt das gebündelte Know-how der Schule sowie ein Netzwerk hochqualifizierter Gastdozenten ein. So etwa Chefapotheker Dr. Manuel Herrmann vom Ortenau Klinikum oder Eyad Ghanam (Chefarzt für Psychiatrie, Psychotherapie & Psychosomatik), Franziska Halter (Psychologin, Kinder- und Jugendpsychiatrie) und Oliver Raufeisen (psychologischer Psychotherapeut) von der MediClin Klinik an der Lindenhöhe. Die Einrichtungen erhalten dadurch wissenschaftlich fundierte, maßgeschneiderte Handlungsleitfäden, Schulungskonzepte und Qualitätsstandards.

Wie spürbar dieser Mehrwert im Pflegealltag ankommt, schildert Maria Armbruster-König vom Seniorenzentrum Goldscheuer (Evangelische Heimstiftung), die gemeinsam mit Pflegedienstleitung Karim Ayoub zur Feier kam, um „ihre“ Absolventin zu begleiten. Angela Goudjil-Száraz widmete ihre Abschlussarbeit der tiefgreifenden Biografiearbeit und führte ein neues Assessment-Instrument in ihrer Einrichtung ein. Maria Armbruster-König zeigt sich von der Wirkung begeistert: „Die intensive Auseinandersetzung mit der Biografie ermöglicht es uns, den Bewohner nicht nur als Bewohnenden, sondern als ganzheitlichen Menschen mit all seinen Lebenswurzeln zu sehen. Wenn wir die Lebensgeschichte kennen, verstehen wir plötzlich, warum sich ein Mensch in bestimmten Situationen so verhält oder welche Auslöser Ängste und Schübe triggern.“

Im konkreten Fall wurde bei einer Bewohnerin das Bedürfnis nach einem individuellen Abendritual erkannt. Dessen Umsetzung im Pflegealltag führte zu einer deutlichen Verbesserung ihrer Schlafqualität.

Gerade weil Menschen heute immer später und mit weit fortgeschrittenen dementiellen Veränderungen in Pflegeeinrichtungen aufgenommen werden, stoßen Pflegekräfte und Angehörige oft an Belastungsgrenzen. Für Armbruster-König ist die praxisbegleitete Weiterbildung der AKADEMIE² deshalb ein unschätzbarer Gewinn: „Das Wissen wird direkt ins Team transportiert. Wenn Überforderung oder Unsicherheit im Umgang mit herausforderndem Verhalten entsteht, ist jetzt jemand da, der Sicherheit gibt, mit auf die Biografie schaut und Wege aufzeigt. Das bedeutet nicht nur Lebensqualität für die Bewohner und Entlastung für Angehörige, sondern gibt dem gesamten Kollegium Handlungssicherheit. Das ist ein echter Mehrwert für unsere gesamte Einrichtung.“
 

Beeindruckende Themenvielfalt 


Die Bandbreite der begleiteten Abschlussarbeiten verdeutlicht die Vielseitigkeit gerontopsychiatrischer Pflege. Hier einige Beispiele:

  • Paula (Wichern-Haus, Paul-Gerhardt-Werk, Offenburg): Entwickelte und evaluierte ein „Nachtcafé“, um die typischen Unruhephasen der Bewohner in der Übergangszeit zwischen Tag- und Nachtdienst spürbar zu lindern. 
  • Stefanie (Zentrum für Psychiatrie (ZfP), Emmendingen): Untersuchte wissenschaftlich den sogenannten „Drehtüreffekt“ bei Re-Hospitalisierungen und setzte den Expertenstandard Entlassmanagement durch strukturierte Nachfassanrufe nach der Entlassung erfolgreich um. 
  • Liva (BDH-Klinik, Elzach): Führte ein zielgerichtetes Delir-Assessment auf der neurologischen Rehabilitationsstation ein, um Verwirrtheitszustände frühzeitig zu erkennen und pflegerisch aufzufangen. 
  • Ilona (Parkinson-Klinik Ortenau, Wolfach): Erstellte ein Screening-Tool zur präzisen Abgrenzung depressiver Symptome von Parkinson-Symptomen, um Fehleinschätzungen im Klinikalltag zu vermeiden. 
  • Katania (ZfP): Etablierte die Aromapflege als pflegetherapeutisches Gruppenangebot auf ihrer gerontopsychiatrischen Station. 
  • Matthias (Klinik an der Lindenhöhe, Offenburg): Restrukturierte bestehende pflegetherapeutische Gruppenangebote zu einem modernen, praxisnahen Konzept namens „Alltagskompass“. 
  • Svenja (Klinik an der Lindenhöhe, Offenburg): Konzipierte und implementierte eine pflegetherapeutische Informations- und Austauschgruppe zum Thema Schlaf bei Abhängigkeitserkrankungen.
     

Jetzt geht es los! 


Kursleiterin Carine Fischer gab den frisch gebackenen Fachkräften zum Abschied eine klare Botschaft mit auf den Weg: „Das erlangte Zertifikat soll kein reines Dokument für die Personalakte sein, sondern ein Auftrag zur aktiven Mitgestaltung.“ 

Mit ihrem geschärften Blick, neu gewonnenen Werkzeugen und vertiefter Empathie sind die Absolventinnen und Absolventen der AKADEMIE² nun gerüstet, um Versorgungsqualität aktiv zu steigern, Teams zu orientieren und den verwundbarsten Menschen unserer Gesellschaft eine starke Stütze zu sein.