Wenn ein Mensch stirbt, sind Pflegekräfte nicht nur für den Sterbenden da, sondern stehen auch vor einer der anspruchsvollsten Aufgaben ihres Berufs: der Begleitung der Angehörigen. Wie begegnet man Menschen in Momenten tiefster Verzweiflung, Fassungslosigkeit oder gar Erleichterung?
Patrick Koci, Dozent an der AKADEMIE², blickt auf fast 20 Jahre Erfahrung auf der Intensivstation zurück. Heute gibt er sein tiefes Wissen in der Ausbildung und im Sterbebegleitseminar weiter. Seine wichtigste Botschaft an angehende Pflegefachkräfte: Es gibt kein Patentrezept für Trauerbegleitung – aber es gibt eine Haltung, die Halt gibt.
Die unberechenbare Bandbreite der Trauer
„Beim Sterbenden selbst haben wir oft eine Phase des Abschließens oder das Bewusstsein ist durch Medikamente gedämpft“, erklärt Patrick Koci. „Aber bei den Angehörigen erleben wir bis zum Schluss die volle Bandbreite an Emotionen und Verhaltensweisen.“ In seiner langen Karriere hat er extreme Gegensätze erlebt, die zeigen, wie individuell und unvorhersehbar Trauer sein kann.
Koci erinnert sich an eine italienische Familie. Der Vater erlitt auf der Durchreise einen plötzlichen Herzinfarkt am Steuer und verstarb kurz darauf auf der Intensivstation. Während die Ehefrau gefasst blieb, brach die älteste Tochter psychisch völlig zusammen. Sie warf sich schreiend auf den Leichnam und war in ihrem Schmerz so gefangen, dass sie und die Familie über Stunden intensiv medizinisch und seelsorgerisch aufgefangen werden mussten. „Ein plötzlicher, brachialer Tod reißt den Lebensstrahl an einer Stelle ab, an der das Sterben im Lebenslauf eigentlich noch überhaupt nicht vorgesehen war – das löst eine extreme Betroffenheit und Ohnmacht aus“, so Koci.
Das Extrem der stillen Akzeptanz
Dem gegenüber steht eine andere Erfahrung: Eine junge Frau Anfang 30 verstarb nachts an den Folgen einer schweren Bulimie. Als die Mutter ans Bett trat, weinte sie nicht. Als sie Kocis fragenden Blick bemerkte, sagte sie sanft: „Sie wundern sich, dass ich nicht weine. Aber ich schaue meiner Tochter seit ihrem 12. Lebensjahr dabei zu, wie sie sich jeden Tag umbringt. Wir haben in 18 Jahren an Therapien alles versucht, was machbar ist.“ Diese Mutter hatte eine jahrelange Vorbereitungszeit auf diesen Moment – für sie war der Tod letztlich eine Erlösung von langem Leiden.
Drei goldene Regeln für die Praxis
Um Auszubildenden die Angst vor diesen emotionalen Grenzsituationen zu nehmen, erarbeitet Patrick Koci im Seminar konkrete und lebensnahe Leitlinien für die Kommunikation mit Angehörigen:
Fragen statt annehmen
„Entscheidet Dinge nicht auf der Basis von Annahmen, sondern fragt die Menschen direkt“, rät Koci. Oft sind Pflegekräfte unsicher, ob sie den Raum verlassen oder bleiben sollen. Die Lösung ist einfach: Hingehen und fragen:- „Wie kann ich momentan für Sie da sein?“
- „Soll ich ein Stück bei Ihnen stehen bleiben?“
- „Soll ich Ihnen einen Stuhl holen oder Ihre Hand halten?“
Angehörige sind in der Regel dankbar für diese klaren, einfühlsamen Angebote und können oft gut artikulieren, was sie in diesem Moment brauchen.
- Tabu für leere Floskeln
Worte wie „Das wird schon wieder“ haben in der Sterbebegleitung keinen Platz. „Solche Sätze strahlen eine emotionale Kälte aus“, betont Koci. Der Verlust bleibt ein Leben lang bestehen, auch wenn sich die Art des Vermissens im Laufe der Zeit verändert. Ehrliches Schweigen oder ein stilles Angebot zur Unterstützung sind tausendmal wertvoller als eine unbedachte Floskel.
- Das letzte Bild im Kopf schützen
Besonders nach schweren, traumatischen Situationen – wie einer erfolglosen Reanimation – fragen Angehörige oft: „Hat er gelitten?“ Hier rät Koci zu absoluter Feinfühligkeit. Es geht nicht darum, medizinische Details zu verschweigen, sondern das Andenken zu schützen. „Überlegt euch gut, welches Bild ihr den Angehörigen mit euren letzten Worten in den Kopf pflanzt“, gibt er den Schülern mit. Ein Satz wie „Wir haben mit allem, was die Medizin hergibt, gekämpft, aber die Biologie oder der liebe Gott hat anders entschieden“ schenkt Trost, ohne traumatische Bilder zu hinterlassen.
Professionalität bedeutet nicht Gefühllosigkeit
Viele junge Auszubildende oder Pflegekräfte befürchten, in der Pflege „abzustumpfen“. Doch Patrick Koci stellt klar, dass wahre Professionalität emotionale Nähe erlaubt. Er selbst hat in seiner Laufbahn mehr als einmal gemeinsam mit Kollegen und den Angehörigen am Bett eines sterbenden Patienten geweint. „Wenn man einen nahen Bezug zu einer Familie hat, berührt es einen einfach – und das darf es auch. Wir sind Menschen, keine Roboter.“
Ein Lebensweg, der Mut macht
Patrick Koci selbst ist das beste Beispiel dafür, wie vielfältig und entwicklungsfähig der Pflegeberuf ist. Er begann seine Ausbildung erst mit 24 Jahren, arbeitete zwei Jahrzehnte auf der Intensivstation und fand schließlich über ein Pädagogikstudium den Weg in die Lehre. Seinen Master in Erwachsenenbildung absolvierte er mit 50 Jahren.
Seinen Schülern an der AKADEMIE² gibt er ein Lebensmotto mit auf den Weg, das nicht nur für die herausfordernde Sterbebegleitung, sondern für die gesamte Karriere gilt: „Fragt euch niemals, ob etwas klappt. Die einzige Frage, die ihr euch stellen solltet, ist: Wie klappt es? Wer nach dem ‚Wie‘ fragt, bleibt lösungsorientiert und hat den halben Weg bereits geschafft.“


