Die Pflege von Menschen am Lebensende gehört zu den anspruchsvollsten, aber auch bedeutsamsten Aufgaben im Pflegeberuf. Sie erfordert ein hohes Maß an medizinischer Verantwortung, Einfühlungsvermögen und emotionaler Präsenz. Doch gerade die Konfrontation mit dem Tod und das Erleben von Ohnmacht können für Pflegekräfte eine immense mentale Belastung darstellen.
An der AKADEMIE² ist uns bewusst: Nur wer gut für sich selbst sorgt, kann auch stark für andere sein. Unter dem Leitmotiv „PflegeKRAFT – Stark für andere, achtsam mit sich selbst“ vermitteln wir unseren Auszubildenden Wege der Selbstfürsorge direkt verknüpft mit unserem traditionsreichen Sterbebegleitseminar. Denn professionelle Pflege bedeutet nicht, emotionslos zu sein – im Gegenteil: „Eine gute Pflegefachkraft zeichnet sich nicht dadurch aus, keine Emotionen zu zeigen, sondern professionell und achtsam mit ihnen umzugehen“, betont unsere Dozentin Anja Petersdorf-Aoun.
Das Sterbebegleitseminar in Neuried-Müllen
Seit einigen Jahren bietet unser fünftägiges Seminar im Begegnungszentrum Neuried-Müllen im zweiten Ausbildungsjahr der generalistischen Pflegeausbildung einen geschützten, naturnahen Rahmen. Abseits des oft stressigen Klinik- oder Heimalltags können sich die Auszubildenden intensiv mit der Endlichkeit und der eigenen Haltung auseinandersetzen. Der Ort selbst mit seinem Garten, der Möglichkeit im Freien zu unterrichten sowie dem gemeinsamen Kochen und Essen fördert eine ganz besondere Gruppendynamik und ein tiefes Vertrauen untereinander.
Geleitet werden diese Seminare von erfahrenen Dozentinnen und Dozenten, die das Thema aus unterschiedlichen und sich perfekt ergänzenden Perspektiven betrachten:
- Anja Petersdorf-Aoun (Herbstkursseminare) absolvierte ein Grundstudium der Gemeindepastoral und erweiterte ihre Qualifikationen durch Fortbildungen in der Logo- und Kunsttherapie sowie einen Master-Abschluss (M.A.) in Systemischer Beratung. Als langjährige Seelsorgerin bringt sie eine tiefe therapeutische und spirituelle Expertise in die Sterbe- und Trauerbegleitung ein.
Heidrun Mahl-Schrempp (Frühjahrskurseseminare) blickt auf eine dreijährige Ausbildung zur Krankenschwester zurück, hat sich zur Lehrerin für Pflegeberufe sowie im Bereich Palliative Care weitergebildet und einen Master-Studiengang in Medizinpädagogik abgeschlossen. Sie verbindet pflegefachliche Praxisnähe mit moderner Pädagogik. Das Seminar leitet sie zusammen mit
Patrick Koci. Auch er ist ausgebildeter Krankenpfleger und Praxisanleiter und verfügt über Weiterbildungen in der Anästhesie- und Intensivpflege. Als studierter Pflegepädagoge und Erwachsenenbildner (M.A.) verbindet er seine pädagogische Expertise mit langjähriger praktischer Erfahrung und bringt dadurch fundiertes Wissen rund um die Themen Sterben und Tod in das Seminar ein.
Beziehungsarbeit am Lebensende: Langzeitpflege vs. Akutpflege
Wie die Auszubildenden den Abschied erleben, hängt unter anderem vom jeweiligen Arbeitsumfeld ab. In der generalistischen Pflegeausbildung durchlaufen die Schüler verschiedene Versorgungsbereiche, was ihnen die Bandbreite der pflegerischen Begleitung vor Augen führt:
- In der Langzeitpflege wachsen tiefe Beziehungen. Häufig leben die Bewohner über viele Jahre in einer Einrichtung. Die Pflegekräfte kennen die Lebensgeschichte, die Vorlieben, Abneigungen, die Spiritualität und die individuellen Wünsche der Menschen oft im Detail. Diese Vertrautheit ermöglicht eine langfristige und ganzheitliche Begleitung am Lebensende, die auch den Angehörigen Halt gibt. Der Abschied bringt hier jedoch häufig auch eine sehr persönliche, spürbare Trauer für die Pflegekraft mit sich, da eine vertraute Bezugsperson geht.
Die Akutpflege im Krankenhaus hat eine ganz andere, oft unvorhersehbare Dynamik. Begegnungen sind häufig nur von kurzer Dauer. Die Pflegekraft muss sich schnell auf die Situation einstellen und kann oft nur auf die unmittelbar zugänglichen Informationen zurückgreifen. Gerade in der Akutpflege oder der Notaufnahme kann der Tod zudem sehr plötzlich und unerwartet eintreten, was eine völlig andere Art der emotionalen Bewältigung erfordert.
Lebenslauf außer Kraft: Der Umgang mit einem frühen und plötzlichen Tod
Besonders intensiv setzt sich das Seminar mit Situationen auseinander, die die Auszubildenden emotional stark fordern – wenn der Tod „nicht der Reihe nach“ kommt.
„In den Pflegeheimen sterben meistens hochbetagte Menschen. Es löst jedoch ganz andere Emotionen und eine völlig andere Betroffenheit aus, wenn ein Mensch mitten aus dem Leben gerissen wird“, erklärt Heidrun Mahl-Schrempp. Um dieses sensible Thema im Seminar greifbar zu machen, nutzt sie einen mit Patrick Koci entwickelten Zeitstrahl mit verschiedenen Lebensetappen auf.
Normalerweise stellt man sich das Leben linear vor: Man geht zur Schule, arbeitet, geht irgendwann in Rente, unternimmt vielleicht noch Reisen und stirbt im hohen Alter ganz friedlich. Doch im Seminar wird offen diskutiert: Was passiert, wenn der Tod brachial, plötzlich und völlig überraschend zu einem Zeitpunkt eintritt, an dem er im Lebenslauf eigentlich überhaupt noch nicht vorgesehen ist? Wenn beispielsweise Kinder versterben oder junge Eltern, die selbst noch kleine Kinder haben? Die Betroffenheit ist verständlicherweise umso größer, je kürzer dieser Zeitstrahl im realen Fall ist. Das Seminar hilft den Auszubildenden dabei, diese schmerzhaften Realitäten nicht wegzuschieben, sondern die eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht ein Stück weit anzunehmen.
Kreativer Ausdruck als Türöffner und Schutzraum
Um Zugang zu diesen tiefen Emotionen zu finden, setzen die Lehrkräfte auf Methoden, die weit über den klassischen Theorieunterricht hinausgehen. Ein zentraler Baustein ist das kreative Gestalten mit Farben und Bildern.
Die Auszubildenden drücken mit Wachsmalstiften, Wasserfarben oder Buntstiften auf unterschiedlichen Papiergrößen ihre ganz persönlichen Assoziationen zu den Themen Tod, Sterben und Trauer aus. „Dabei geht es überhaupt nicht um einen hohen künstlerischen Anspruch“, erklärt Heidrun Mahl-Schrempp. Das kreative Tun fungiert als wahrer Türöffner. In einer anschließenden gemeinsamen „Vernissage“ betrachten alle die entstandenen Werke. Da die „Künstler“ anwesend sind, entstehen im Dialog untereinander und mit den Lehrenden behutsame, tiefgehende Gespräche über Farben, Symbole und die dahinterstehenden Gefühle.
Gleichzeitig bietet das Seminar einen Schutzraum. Manchmal bringen Auszubildende in ihren Bildern sehr persönliche Erlebnisse wie Fluchterfahrungen oder traumatische Todesfälle in der eigenen Familie zum Ausdruck. Die Dozentinnen wissen genau, wie wichtig es ist, diese verletzlichen Grenzen zu achten: „Manchmal ist es gut, ein Bild einfach stehenzulassen und nicht mehr großartig zu kommentieren.“
Professionelle Nähe statt kalter Distanz: Gefühl zeigen ist erlaubt
In der Vergangenheit wurde oft gelehrt, eine strikte emotionale Distanz aufzubauen, um sich selbst zu schützen. An der AKADEMIE² brechen wir mit diesem Ansatz. „Die Menschen, die gepflegt werden, brauchen eher Nähe – eine professionelle Nähe und echte Empathie“, betont Mahl-Schrempp.
Wir ermutigen unsere Auszubildenden ausdrücklich, Gefühle nicht wegzuschieben. Wenn Tränen fließen oder Empathie sichtbar wird, ist das kein Zeichen von Schwäche. Es macht uns als Pflegende nahbar, menschlich und ermöglicht einen respektvollen, liebevollen Umgang miteinander. In diesen Momenten werden Auszubildende, welche emotional berührt werden, von einem der Lehrenden persönlich begleitet und zu einem späteren Zeitpunkt wieder in das Seminar behutsam zurückgeführt.
Wichtig ist, die eigenen Emotionen wahrzunehmen und zu lernen, gesund damit umzugehen. Das Seminar bereitet die Auszubildenden darauf vor, sich selbst mit der gleichen Akzeptanz zu begegnen, die sie ihren Patienten entgegenbringen. Der vertrauensvolle Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen in der Schicht oder mit den Praxisanleitern vor Ort ist dabei die wichtigste erste Stütze, um „mulmige, komische oder ängstliche Gefühle“ nach einem Sterbefall direkt anzusprechen und zu verarbeiten.
Interkulturelle Vielfalt am Lebensende
Unsere Klassen sind heute bunt und vielfältig, was für den gemeinsamen Austausch eine enorme Bereicherung ist. Gleichzeitig bringt diese Vielfalt besondere Herausforderungen im Umgang mit Sterben und Tod mit sich.
Internationale Auszubildende tragen oft eine doppelte emotionale Last. Sie müssen sich in einem neuen Land und System zurechtfinden, erleben Unsicherheiten im kulturellen Umgang mit dem Tod und spüren in diesen Momenten die Distanz zu ihren eigenen Familien besonders stark. Oft schwingt auch die Sorge mit, bei einem plötzlichen Schicksalsschlag in der fernen Heimat nicht schnell genug bei den Angehörigen sein zu können. Das Sterbebegleitseminar gibt diesen Sorgen ganz bewusst „Raum und Zeit“.
Gleichzeitig lernen wir voneinander: Im Austausch erfahren wir beispielsweise, dass Angehörige in vielen Kulturen intensiv in die Versorgung und Körperwaschung von Verstorbenen einbezogen werden. Solche Impulse schärfen unsere interkulturelle Sensibilität und helfen uns, auch die individuellen Wünsche der Patienten und ihrer Familien noch sensibler zu erfragen und zu würdigen.
Alltägliche Rituale und die persönliche Kraftquelle
Selbstfürsorge endet nicht mit dem Ende des Seminars – sie muss im Alltag gelebt werden. Wir ermutigen unsere Auszubildenden, eigene bewusste Rituale, etwa für den Feierabend zu entwickeln. Ob es das bewusste Ablegen des Kasacks an der Garderobe ist, das Duschen nach dem Dienst oder das gedankliche Abschalten während des Heimwegs – jedes Ritual hat seine Berechtigung, um die Arbeit symbolisch dort zu lassen, wo sie hingehört. „Wichtig ist aber, nicht zu versuchen, alles wegzudrücken“, gibt Mahl-Schrempp zu bedenken. „Man muss ehrlich in sich hineinspüren: Was beschäftigt mich vielleicht doch noch so sehr, dass ich nicht schlafen kann? Wo brauche ich noch ein klärendes Gespräch?“
Wie ein solches gesundes Gleichgewicht aussehen kann, zeigt das Beispiel unserer Auszubildenden Ronja. Sie ist im zweiten Lehrjahr, hat bereits mehrere Menschen am Lebensende begleitet und begegnet diesem Thema mit einer bemerkenswerten, reifen Ruhe. Um nach anstrengenden Tagen im ambulanten Dienst oder auf den Stationen den Kopf freizubekommen, nutzt sie eine ganz besondere Kraftquelle: das Bogenschießen. „Wenn ich auf dem Platz stehe, brauche ich absolute Konzentration und mentale Stärke. Danach ist der Stress des Tages verflogen“, erzählt Ronja.
Ihre Motivation zieht sie aus der tiefen Gewissheit, wie unendlich wertvoll ihre Arbeit gerade in den letzten Stunden eines Menschen ist. Dabei leitet sie stets ein liebevoller Satz ihrer Großmutter: „Das Schönste, was einem passieren kann, ist nach dem Tod jemanden zu haben, der sich um einen kümmert.“
An der AKADEMIE² sorgen wir dafür, dass unsere Auszubildenden genau diese Menschen sein können – fachlich bestens vorbereitet, mit Empathie und der nötigen Achtsamkeit für sich selbst.




