Wenn Dieter W. Schleier den Unterrichtsraum in der AKADEMIE² betritt, bringt er sowohl jahrzehntelange Erfahrung im Gesundheitswesen als auch in der Meditation und Kontemplation mit. Zudem hat er eine klare Überzeugung: Wer dauerhaft für andere da sein will, muss lernen, auch auf sich selbst zu achten. Als Vertrauensperson der Schwerbehindertenvertretung am Ortenau Klinikum begleitet Schleier Menschen, deren beruflicher Alltag sich durch eine Schwerbehinderung verändert hat. Schleier betont: „Eine Schwerbehinderung kann jeden treffen, sei es durch eine chronische Erkrankung oder durch einen Unfall.“
Wenn Gesundheit zum Thema im Klassenzimmer wird
Die gesundheitlichen Belastungen in der Pflege sind hoch. Aktuelle Arbeitsunfähigkeitsdaten zeigen, wie stark gerade lange Krankheitsverläufe ins Gewicht fallen. Gleichzeitig gewinnen psychische Erkrankungen als Ursache für längere Ausfallzeiten zunehmend an Bedeutung. Viele Pflegekräfte, die Schleier unterstützt, stehen vor der Frage, wie sie die täglichen Anforderungen ihres Berufs langfristig gesund bewältigen können. Doch diese Frage sollte nicht erst dann gestellt werden, wenn die eigene Gesundheit bereits beeinträchtigt ist.
Auch AKADEMIE²-Geschäftsführer Andreas Heck thematisiert diese Entwicklung. Er verweist dabei auf aktuelle Fachbeiträge aus der Pflege und macht deutlich, wie nah das Thema an jeder und jedem Einzelnen ist. Sein Beispiel ist bewusst einfach: Wenn rund 20 Prozent der Menschen in Deutschland im Laufe ihres Lebens von einer psychischen Erkrankung betroffen sind, reicht ein Blick in den Klassenraum. „1, 2, 3, 4, 5 …“, zählt Heck vor. „1, 2, 3, 4, 5 …“
Die Botschaft dahinter: Psychische Belastungen sind kein abstraktes Thema und betreffen nicht nur „die anderen“. Sie können jeden von uns treffen – oder Menschen, mit denen wir arbeiten. Selbstfürsorge ist für Andreas Heck daher ein Thema, dass bereits bei der Pflegeausbildung im Fokus stehen sollte und so wird es auch im Unterricht der AKADEMIE² aufgegriffen. Genau hier setzt das neue Zusatzmodul „PflegeKRAFT – Stark für andere, achtsam mit sich selbst“ an. Im Mittelpunkt stehen Selbstfürsorge und Handlungsfähigkeit als wichtige Kompetenzen für den Pflegeberuf. „Uns als Pflegeschule ist es nicht nur ein Anliegen, dass wir unsere Auszubildenden fachlich fit machen, sondern dass wir sie auch für das ganze Leben als Pflegefachkraft und Mensch vorbereiten“, sagt Heck.
Das neue Unterrichtsmodul „PflegeKRAFT– Stark für andere, achtsam mit sich selbst“ richtet deshalb den Blick auf zwei wesentliche Fähigkeiten: die bewusste Wahrnehmung der eigenen Person und der gegenwärtigen Situation.
Eine Idee mit Geschichte
Unterstützt wird das neue Angebot durch die Schirmherrschaft von Ingrid Fuchs, Patientenfürsprecherin am Ortenau Klinikum. Damit wird an der AKADEMIE² zugleich eine langjährige Zusammenarbeit fortgeführt: Ingrid Fuchs begleitet bereits seit 2011 das von Dieter W. Schleier initiierte Meditations- und Achtsamkeitsangebot am Ortenau Klinikum als Schirmherrin.
Eine Landkarte für mehr Selbstfürsorge
Im Unterricht des neuen Zusatzmoduls geht es deshalb nicht nur um Wissen, sondern um Erfahrung. Während Dieter W. Schleier über seine Arbeit und seine Erfahrungen mit Pflegenden spricht, projiziert er ein Bild an die Wand: die von ihm entwickelte „Landkarte der Selbstfürsorge für Pflegekräfte“.
Diese Landkarte beschreibt zwei gleichermaßen wichtige Qualitäten des Menschseins: Zielorientierung und Gegenwärtigkeit. Sie lädt dazu ein, wahrzunehmen, in welchem Modus wir uns gerade bewegen und wie bewusst uns der Wechsel zwischen beiden gelingt.
Auf der einen Seite stehen Funktionieren und Zielorientierung. Sie sind für den Pflegeberuf unverzichtbar. Pflegefachkräfte müssen Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen, Prioritäten setzen und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig sein. Zielorientierung ist damit keine problematische Seite der Landkarte, sondern eine wesentliche menschliche Fähigkeit. Entscheidend ist, dass sie nicht zum einzig verfügbaren Modus wird.
Schleier macht die Bedeutung der Selbstwahrnehmung an einem einfachen Experiment deutlich: Er hält ein Glas Wasser. Zunächst ist das mühelos. Doch je länger er es hält, desto schwerer wird es. Der Arm ermüdet – und irgendwann wird aus einer scheinbar kleinen Belastung eine spürbare Anstrengung.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht: Wie lange kann ich das Glas halten? Sondern: Bemerke ich rechtzeitig, was gerade mit mir passiert?
Die andere Seite der Landkarte bildet deshalb das notwendige Gegengewicht: Besinnung und Gegenwärtigkeit. Dazu gehören Selbstwahrnehmung, Bewusstheit, Selbstregulation, Verbundenheit und Intuition. Es geht darum, den eigenen inneren Seismografen wieder wahrzunehmen: Was brauche ich gerade? Wo liegen meine Grenzen? Was passiert mit mir, wenn die Belastung steigt?
Und es gehr auch darum, nach dem Dienst bewusst aus der beruflichen Rolle herauszutreten. Den Kasack auszuziehen bedeutet dann nicht nur, die Arbeitskleidung abzulegen, sondern, die Rolle als Pflegefachkraft hinter sich zu lassen und sich wieder bewusst anderen Lebensbereichen zuzuwenden. „Denn Menschsein ist weit größer als unsere berufliche Qualifikation und Rolle“, betont Schleier.
Selbstfürsorge erfahrbar machen und einüben
Dieter W. Schleiers Arbeit zeichnet eine praxisorientierte Vermittlung von Achtsamkeit und Selbstfürsorge. Daher ist ein wesentlicher Bestandteil des von ihm entwickelten Unterrichtskonzepts, einen Erfahrungsraum zu eröffnen. Dazu gehört die „Übung der Stille“: bewusstes Sitzen, Wahrnehmen und die immer neue Rückkehr ins Hier und Jetzt. Der eigene Atem kann dabei als jederzeit verfügbarer Anker dienen.
Die Auszubildenden können so unmittelbar erfahren, dass Gegenwärtigkeit eine andere Qualität besitzt als zielgerichtetes Handeln und Funktionieren. Beide Erfahrungen gehören zur Landkarte – und beide gehören zum Menschsein.
Für ein langes Berufsleben in der Pflege
Die Frage nach der eigenen Gesundheit ist für Pflegefachkräfte keine Nebensache. Wer Menschen über viele Jahre professionell begleiten und versorgen möchte, braucht neben fachlicher Kompetenz auch die Fähigkeit, die eigenen Ressourcen, Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen und mit ihnen bewusst umzugehen. Genau deshalb versteht die AKADEMIE² das Modul „PflegeKRAFT“ als Teil einer ganzheitlichen Vorbereitung auf den Beruf.
Die „Landkarte der Selbstfürsorge“ soll dabei nicht nur ein Bild aus dem Unterricht bleiben. Sie soll zu einem persönlichen Werkzeug werden – für den nächsten herausfordernden Dienst, für schwierige Situationen und für die Frage, die im Pflegealltag leicht untergeht: Wie geht es eigentlich mir? Denn professionelle Pflege bedeutet nicht, immer funktionieren zu müssen. Sie bedeutet auch, rechtzeitig zu erkennen, wann es Zeit ist, das Glas Wasser abzusetzen. Wie gut gelingt es Ihnen, zwischen Funktionieren und Innehalten zu wechseln?
Ganzheitlich Mensch sein bedeutet, Zugang zu beidem zu haben: zur Fähigkeit, zielorientiert zu handeln, und zur Fähigkeit, gegenwärtig zu sein. Selbstfürsorge kann dort beginnen, wo wir diesen Rhythmus bewusst wahrnehmen und gestalten.
Nutzen Sie die „Landkarte der Selbstfürsorge für Pflegekräfte“ gerne als persönliche Orientierung im Pflegealltag.




