Für Gesundheitsminister Carsten Linnemann liegt der Kern der Pflegereform in der Stärkung der Angehörigenpflege. Dafür will er „sozial verträgliche Leistungszuschüsse" einführen. Ja, zu Hause und durch Angehörige wird der Großteil der Pflegebedürftigen versorgt. Aber eine zukunftsfähige Pflegepolitik hat auch die Menschen im Blick zu behalten, die professionelle Pflege brauchen – und die Fachpersonen, die sie leisten.
Die Reform der Pflegeversicherung nimmt konkrete Formen an. Am 30. September 2026 hat das Bundeskabinett den Entwurf des Pflegeneuordnungsgesetzes beschlossen. Ein Kern der politischen Debatte ist dabei die Frage, wie die häusliche Pflege gestärkt und pflegende Angehörige besser unterstützt werden können. Das ist wichtig. Denn die überwiegende Mehrheit der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland wird zu Hause, in den eignen vier Wänden versorgt. Ende 2023 waren es laut Statistischem Bundesamt rund 4,9 Millionen Menschen beziehungsweise 86 Prozent aller Pflegebedürftigen. Rund 3,1 Millionen wurden dabei überwiegend von Angehörigen versorgt.
Diese Zahlen zeigen: Ohne Angehörige würde das Pflegesystem schon heute nicht mehr funktionieren.
Pflegebedürftigkeit hat viele Gesichter
Möglichst lange im eigenen Zuhause leben zu können, entspricht den Wünschen vieler Menschen. Ambulante Unterstützung, Tagespflege, Kurzzeitpflege und weitere Angebote können dazu beitragen, diese Vorstellung zu verwirklich. Denn diese professionellen Hilfen tragen dazu bei, die Selbstständigkeit zu erhalten und Angehörige zu entlasten.
Pflegebedürftigkeit ist nicht statisch. Eine Erkrankung kann fortschreiten. Eine Demenz kann sich verändern. Etwa nach einer Operation kann sich der Unterstützungsbedarf deutlich erhöhen. Eine chronische Wunde, mehrere gleichzeitig bestehende Erkrankungen oder eine palliative Situation können Anforderungen an die Versorgung stellen, die Angehörige nicht bewältigen können. Dann braucht es verstärkt professionelle Pflege. Und zwar unabhängig davon, ob sie ambulant oder stationär stattfindet.
Gerade die stationäre Langzeitpflege wird in der öffentlichen Diskussion manchmal zu sehr als letzte Stufe eines idealerweise vermeidbaren Versorgungswegs betrachtet. Das wird der Realität vieler Bewohnerinnen und Bewohner und der Arbeit der Pflegefachpersonen nicht gerecht.
Wer stationäre Pflege braucht, braucht qualifizierte Fachkräfte
Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass der Pflegebedarf in stationären Einrichtungen häufig hoch ist: Ende 2023 hatten rund 41 Prozent der vollstationär versorgten Pflegebedürftigen Pflegegrad 4 oder 5.
Das bedeutet nicht, dass stationäre Pflege grundsätzlich „besser“ oder „schlechter“ ist als die Versorgung zu Hause. Es zeigt aber, dass stationäre Einrichtungen einen wichtigen Teil der professionellen Versorgung übernehmen.
Pflegefachpersonen begleiten dort Menschen mit komplexen und teilweise schwersten Beeinträchtigungen. Sie übernehmen Verantwortung für medizinisch-pflegerische Maßnahmen, beobachten Veränderungen des Gesundheitszustands, koordinieren die Versorgung, begleiten Menschen mit Demenz und unterstützen natürlich auch die Angehörigen. Hinzu kommen Themen wie Schmerz- und Palliativversorgung, Ernährung, Mobilität und Sterbebegleitung.
Das ist anspruchsvolle Facharbeit. Und diese Facharbeit braucht gute Ausbildung. Die generalistische Pflegeausbildung qualifiziert Auszubildende für ambulante, stationäre und klinische Versorgung zugleich und macht sie damit für Pflege überall einsetzbar.
Die Reform muss deshalb auch über Menschen sprechen
Als Bildungseinrichtung für Gesundheits- und Pflegeberufe betrachten wir die Reformdebatte deshalb auch aus einer anderen Perspektive. Wir fragen nicht nur: Wie lässt sich Pflege finanzieren? Wir fragen auch: Wer wird die Menschen in Zukunft pflegen? Und welche spezifischen Kompetenzen brauchen diese Pflegefachpersonen?
Denn egal, ob Pflegebedürftige zu Hause, durch einen ambulanten Dienst, in einer Tagespflege oder in einer stationären Einrichtung versorgt werden: Gute Pflege braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen, fachlich kompetent handeln, Menschen, die empathisch sind und hochprofessionell.
Der Fachkräftebedarf wird damit zu einer zentralen Frage jeder Pflegereform. Wenn wir die häusliche Pflege stärken wollen, brauchen wir ausreichend qualifizierte Fachkräfte in den ambulanten Pflegediensten. Wenn wir Angehörige entlasten wollen, brauchen wir verlässliche professionelle Unterstützungsangebote. Und wenn Menschen auf stationäre Pflege angewiesen sind, brauchen sie dort ebenfalls gut ausgebildete Pflegefachpersonen – und das in fachlich gebotener Anzahl.
Häuslich vor stationär – aber mit einem starken professionellen Fundament
Die Stärkung der häuslichen Pflege ist deshalb ein wichtiger Bestandteil einer zukunftsfähigen Pflegepolitik. Aber wir sollten dabei nicht in ein Entweder-oder geraten. Es geht nicht um „zu Hause oder Pflegeheim“. Es geht um eine Versorgung, die Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen die passende Unterstützung ermöglicht.
Dazu gehören:
• Starke Angehörige.
• Ambulante Pflege und Entlastungsangebote.
• Tages- und Kurzzeitpflege.
• Eine professionelle stationäre Pflege.
Für uns als AKADEMIE² bedeutet das: Wir bilden Menschen in Berufen aus, die in allen diesen Bereichen gebraucht werden. Unsere Aufgabe ist es, ihnen das fachliche Wissen, die praktischen und sozialen Kompetenzen sowie das berufliche Selbstbewusstsein mitzugeben, das sie für diese Verantwortung brauchen.
Eine gute, zukunftsweisende Pflegereform sollte deshalb nicht nur fragen, wo Pflege stattfindet. Sie sollte auch dafür sorgen, dass überall dort, wo Pflege gebraucht wird, Menschen da sind, die sie professionell leisten können.
Ihr
Andreas Heck
Geschäftsführer der AKADEMIE²

