Artikel

Man muss die Türen selber öffnen

Erstellt von Karina Caspers |

Ausbildungsbotschafter Alex Djeumeni vom Bildungshaus Achern zeigt, wie moderne Pflegeausbildung und Integration gelingen.

Wer das Bildungshaus der AKADEMIEin Achern betritt, begegnet einer Vielfalt an Biografien und Kulturen. Eine dieser Geschichten sticht hervor: die von Alex Djeumeni. Vor rund zehn Monaten kam der gebürtige Kameruner nach Deutschland, um seine Ausbildung zur Pflegefachkraft zu absolvieren. Heute ist er nicht nur ein erfolgreicher Auszubildender und offizieller Ausbildungsbotschafter, sondern auch ein wichtiges Gemeindemitglied. Seine Geschichte zeigt, wie Integration gelingen kann.

Ein steiniger Start und ein herzliches Willkommen

Alex’ Reise begann mit bürokratischen Hindernissen. Weil die Vorabzustimmung des Regierungspräsidiums in Stuttgart auf sich warten ließ, verzögerte sich sein Visumsprozess. Erst einen Monat nach dem offiziellen Ausbildungsstart konnte er nach Deutschland einreisen. Dass er seine Ausbildung am Bildungshaus überhaupt mit Verspätung antreten durfte, verdankt er der großen Flexibilität der Schulleiterin Anja Bischoff-Schindler und seinem Arbeitgeber, dem Ortenau Klinikum. „Dafür bin ich bis heute unglaublich dankbar, das ist keine Selbstverständlichkeit“, betont Alex. 

Schon seine Ankunft in Deutschland war für Alex Djeumeni eine echte Bewährungsprobe. Nach dem Flug aus Kamerun wollte er gemeinsam mit einer Mitschülerin von Frankfurt mit dem ICE nach Offenburg weiterreisen. Doch kurz vor der Abfahrt kam es zu einem unerwarteten Zwischenfall: Eine Zugbegleiterin hinderte ihn daran, noch mit seinem letzten Koffer einzusteigen. Der Zug fuhr ohne ihn ab.

„Ich stand da und hatte absolut keine Ahnung, was ich tun soll“, erzählt er. Eine andere Zugbegleiterin, die den Vorfall beobachtet hatte, entschuldigte sich für die Kollegin und schlug Alex sogar vor, sie anzuzeigen. Eine Anzeige bei der Polizei erstatten? Nein, so wollte Alex nicht sein neues Leben in Deutschland beginnen. Die Zugbegleiterin suchte ihm stattdessen den nächsten ICE raus.

Nach zweieinhalb Stunden konnte Alex seine Reise fortsetzen. Doch auch damit war die Odyssee noch nicht beendet. Während der Fahrt kam die Durchsage, dass der Halt in Baden-Baden an diesem Tag entfällt. Also fuhr Alex unfreiwillig bis Offenburg weiter. Als er dort am Bahnhof ankam, wusste er erneut nicht, wie es weitergehen sollte. Sein Handy hatte zwar wieder etwas Akku, mobiles Internet hatte er jedoch nicht. Da er zudem noch keinen deutschen Mobilfunkvertrag besaß und seine kamerunische SIM-Karte hier kein Netz fand, konnte er weder normale Telefonate führen noch Anrufe über WhatsApp starten.

„Also sprach ich einen Passanten an und fragte, ob ich vielleicht kurz mit seinem Handy telefonieren darf.“ Der Mann half und Alex konnte seine Tante erreichen, die in Nordrach lebt. Sie organisierte, dass das Klinikum informiert wurde und ein Taxi ihn abholen sollte.

Hier wartete die nächste Hürde. Alex wusste damals noch nicht, wie das mit Taxis in Deutschland funktioniert. Er dachte, der Fahrer würde ihn am Bahnhof mit einem Schild suchen, so, wie das in Kamerun üblich ist. „Also habe ich gewartet und gewartet – bestimmt zwei Stunden lang! Aber es kam einfach niemand auf mich zu.“

Schließlich ging er zum DB-Schalter und bat die Mitarbeitenden um Hilfe. Noch einmal telefonierte er mit der Tante – und erfuhr, dass das Taxi schon längst vor dem Bahnhof auf ihn wartete. Viele Stunden nach seiner Ankunft in Frankfurt, kam Alex endlich in Achern an. „Ich war an diesem Abend komplett fertig und am Ende meiner Kräfte.“ Bereits am nächsten Morgen ging die Schule los.

Was rückblickend wie eine kaum enden wollende Aneinanderreihung von Hindernissen klingt, zeigt zugleich etwas, das Alex auf seinem weiteren Weg immer wieder brauchen sollte: Mut, Offenheit und die Bereitschaft, selbst nach Lösungen zu suchen. Wenn eine Tür nicht aufgeht, fragt er nach, spricht Menschen an und versucht es auf einem anderen Weg.

Die Realität der Integration: Bürokratie und Alltagsbarrieren

Integration ist kein Selbstläufer, sondern harte Arbeit – das macht Alex unmissverständlich deutlich. Neben den sprachlichen Fachbegriffen im Unterricht, die ihn anfangs herausforderten, sind es vor allem gesellschaftliche und bürokratische Hürden, die den Alltag internationaler Auszubildender belasten.

Für die jährliche Verlängerung des Aufenthaltstitels müssen Auszubildende oft sechs Wochen bis hin zu sechs Monaten bangen und warten. Diese Unsicherheit schränkt die Bewegungsfreiheit im Alltag massiv ein. Trotzdem gewinnt Alex der deutschen Bürokratie auch etwas Positives ab: Sie sei im Vergleich zu anderen Ländern hochgradig organisiert und behandele jeden gleichberechtigt – unabhängig von finanziellen Mitteln.

Ungeduld und Skepsis im Alltag

Ob skeptische Blicke in der Stadtbibliothek („Kann der überhaupt Deutsch?“) oder ungeduldiges Hupen von Autofahrern, wenn er mit dem Fahrrad unterwegs ist – Vorurteile und mangelnde Geduld sind für Alex spürbar. „Man hat das Gefühl, unter ständiger Beobachtung zu stehen. Jeder Schritt, den man draußen macht, muss perfekt sein“, beschreibt er die psychische Last. Wenn Fehler passieren, fehle oft das Verständnis.

Auch das gesellschaftliche Vorurteil, die Pflege bestehe nur aus „Popo abwischen“, begegnet Alex im Alltag. Er hält vehement dagegen: Pflege ist hochprofessionell, eigenständig und bietet enorme Entwicklungschancen.

Dass die Integration am Bildungshaus in Achern dennoch so positiv verläuft, liegt auch am gezielten Engagement der Lehrkräfte der AKADEMIE2. In einer Pflegeklasse treffen oft viele verschiedene Nationalitäten aufeinander. Das birgt die Gefahr von Grüppchenbildungen, da Schüler in Momenten der Unsicherheit das Vertraute suchen. Die Lehrkräfte der AKADEMIE2 wirken dem aktiv entgegen. Durch gezieltes Durchmischen im Unterricht und Teambuilding-Maßnahmen wird die Klassengemeinschaft gestärkt. Gemeinsame Exkursionen und „Essensparties“, bei denen jeder Spezialitäten aus seiner Heimat mitbringt, lassen kulturelle Barrieren schmelzen. „In unserer Klasse wird man einfach als das wahrgenommen, was man ist: als Mensch“, so Alex. Was er dagegen als schwierig empfindet, sind rein internationale Klassen. „Das erschwert die Integration.“

Doch auch unter Mitschülern kommt es wegen Sprachbarrieren manchmal zu Ungeduld. Hier versucht Alex empathisch zu vermitteln, bittet um Geduld und erklärt Auszubildenden, die noch nicht alles verstanden haben, die Inhalte in Ruhe.

„Man muss die Türen selber öffnen“ – Integration durch Engagement 

Für Alex ist Integration keine Einbahnstraße und kein passiver Zustand. „Es nützt nichts, in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Man muss die Türen selber öffnen“, lautet sein Credo. Er selbst lebt dieses Prinzip in beeindruckendem Maße vor und gibt die Unterstützung, die er erfahren hat, an die Gesellschaft zurück:

Jeden Dienstag- und Donnerstagabend unterrichtet er ehrenamtlich Deutsch für Geflüchtete im Begegnungscafé der gemeinnützigen Organisation „Achern miteinander“. Mit modernen Medien und KI-Übersetzungstools schlägt Alex Brücken zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen, die sich in dem Unterrichtsraum treffen. Der Kontakt entstand über den Integrationsbeauftragten der Stadt Achern, den Alex nach seiner erfolgreicher C2-Sprachprüfung kontaktierte, weil er seinen Beitrag zur Integration in Achern leisten wollte. Als Dolmetscher unterstützt er zudem das Cabrini Center – Psychosoziales Zentrum für Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung (Caritasverband Vordere Ortenau). Hier übersetzt er simultan für traumatisierte Menschen in psychologischen Therapiesitzungen.

Auch für die Stadt Achern ist Alex regelmäßig im Einsatz und dolmetscht bei Bedarf an Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen.

Und eins liegt ihm ganz besonders am Herzen: Als offizieller Ausbildungsbotschafter geht er in Schulen, um junge Menschen für die Pflegeausbildung zu begeistern und Vorurteile abzubauen. Sein enormes Pensum meistert Alex durch exzellentes Zeitmanagement. Trotz Ausbildung, Ehrenämtern und Reisen zu seiner Familie nach Belgien oder nach Spanien bleibt ihm genug Zeit für ein ausgeglichenes Privatleben.

Große Ambitionen für die Zukunft der Pflege

Alex’ Weg an der AKADEMIE2 ist noch lange nicht zu Ende. Seine Begeisterung für Sprache, Pädagogik und Medizin möchte er in Zukunft verbinden: Bereits ab Oktober plant er parallel zur Ausbildung ein Studium der Angewandte Pflegewissenschaft an, dass er nach dem Bachelor mit dem Master in Gesundheitspädagogik fortsetzen möchte. Sein großes Ziel ist es, nach dem Master als Lehrkraft an die AKADEMIE2 zurückzukehren – und gleichzeitig weiterhin Teilzeit am Ortenau Klinikum zu arbeiten, um den Kontakt zu den Patienten nie zu verlieren. 

„Das Ortenau Klinikum und die AKADEMIEsind großartig. Sie engagieren sich unglaublich für ihre Mitarbeiter und bieten mir fantastische Chancen“, schwärmt Alex. An der AKADEMIE2 in Achern reift mit ihm nicht nur eine hochqualifizierte Pflegekraft heran, sondern vielleicht auch schon die Lehrkraft von morgen – und ein inspirierendes Vorbild dafür, wie bunt, anspruchsvoll und bereichernd gelebte Integration in der Pflege sein kann.