Fast wie ein Helm setzt man die VR-Brille auf den Kopf: Ein kurzer Dreh am Hinterkopf stellt die passende Größe ein, sodass sich die lichtundurchlässige Polsterung eng um die Augen legt. Doch sobald das Programm startet und man sich in der Anwendung befindet, verändert sich die Wahrnehmung schlagartig. Zwar simuliert die Technik aktuell noch keinen kompletten OP-Saal, doch die Auszubildenden der Operationstechnischen Assistenz (OTA) an der AKADEMIE² stehen sofort an einem völlig neuen Lernort: Direkt vor ihnen befindet sich der virtuelle Instrumententisch mit dem aufgebauten OP-Sieb. Ohne den Unterrichtsraum auch nur für einen Schritt zu verlassen, können sie hier komplexe chirurgische Instrumente detailliert kennenlernen und ordnen.
Die Macher hinter der Technologie
Entwickelt wird die innovative Lernplattform opmenta vom Startup VIRTUAPIXEL, das aus einem Forschungsprojekt der Hochschule Furtwangen hervorgegangen ist.
Oriane Joublin, Co-Founder und zuständig für Webentwicklung sowie User Experience (UX), erklärt den Anspruch an die Software: „Alles soll für die Nutzer möglichst einfach zu bedienen sein, sodass man keine großen technischen Kenntnisse braucht, um alles zu verstehen.“
Für Kai-Jonas Bock, Co-Founder und VR-Entwickler, steht das klare Leitziel der Anwendung fest: „Unser Ziel: Für OTAs so unverzichtbar zu werden wie der Flugsimulator für Piloten.“
AKADEMIE² als Pionierin und Entwicklungspartnerin
Mit dem Einsatz von VR-Brillen im regulären Unterricht unterstreicht die AKADEMIE² ihre Rolle als Vorreiterin in der innovativen Pflege- und Gesundheits-Ausbildung. Deutschlandweit gehört die AKADEMIE² zu den ersten drei Anwendern, die diese zukunftsweisende Technologie fest in den Schulalltag integrieren. Zur Ausstattung gehören derzeit fünf VR-Brillen, auf denen die Auszubildenden mit eigenen Benutzerkonten arbeiten.
Dabei handelt es sich um eine Entwicklungskooperation: Lehrkräfte und Auszubildende geben regelmäßig Praxisfeedback direkt an das Entwicklerteam weiter und gestalten die Anwendung so aktiv mit. Kai-Jonas Bock betont den hohen Wert dieser Partnerschaft: „Dieses Feedback ist so wertvoll. Wir sind sehr dankbar über die Entwicklungskooperation“.
Erster Unterrichtseinsatz: Hannah Blasius startet mit der Instrumentenkunde
In der Praxis wird die neue Technologie bereits konkret im Schulalltag verankert: Dozentin Hannah Blasius ist die erste Lehrkraft an der AKADEMIE², die die VR-Brille aktiv im Unterricht einsetzt. Da sie für die Lerneinheit der Instrumentenkunde zuständig ist, nutzt sie die virtuelle Anwendung gezielt, um den Auszubildenden einen anschaulichen und praxisnahen Einstieg in die Welt der chirurgischen Werkzeuge zu ermöglichen.
Kursleiter Marcel Keller betont die enormen Vorteile für die Unterrichtsgestaltung: „Schlussendlich ersetzt die Brille keine praktischen Übungen im Skillslab oder im OP-Saal, aber sie ermöglicht eine Erweiterung. Sie schenkt uns Flexibilität, weil wir spontan im Unterricht virtuell Instrumente kennenlernen können, ohne vorher aufwendig Praxisräume anmieten oder Materialcontainer bestellen zu müssen.“
Didaktische Steigerung: Vom „Shadowboard“ zum leeren Instrumententisch
Das Training an der VR-Brille folgt einem durchdachten didaktischen Stufenmodell:
- Lernstufe 1 (Einsteiger): Auf dem Instrumententisch wird ein sogenanntes „Shadowboard“ eingeblendet – vorgezeichnete Schatten zeigen exakt, wo welches Instrument platziert werden muss.
- Fortgeschrittene Stufen: Der Hilfe-Schatten verschwindet schrittweise, bis der Tisch komplett leer ist. Nun müssen die Lernenden völlig selbstständig und ohne Orientierungshilfen die passenden Instrumente korrekt anordnen.
Praxisnahe Details: Hausnamen, Material und Einsatzgebiet
Durch eine Zusammenarbeit mit Aesculap, dem weltweiten Marktführer für handgehaltene chirurgische Instrumente, stehen hochpräzise digitale Abbilder echter OP-Werkzeuge zur Verfügung. Kai-Jonas Bock erklärt: „Aesculap ist ein super Partner für uns. Wir integrieren digitale Abbilder deren Instrumente und sind auch mit anderen Herstellern im Austausch.“
Neben den offiziellen Bezeichnungen lassen sich über die Plattform auch klinikspezifische „Hausnamen“ hinterlegen. Da viele OP-Teams eigene Begriffe verwenden, lernen die Auszubildenden genau die Vokabeln ihres jeweiligen Ausbildungsbetriebs. Zudem bietet die Anwendung detaillierte Informationen zu Materialbeschaffenheit, Funktion und Einsatzgebiet jedes Instruments.
Gamification & Motivation: Spaß am eigenständigen Lernen
Ergänzend zur VR-Brille nutzen die Auszubildenden ein browserbasiertes Webportal, auf dem sie interaktive Quizzes und Namenschecks auch bequem per Smartphone von zu Hause absolvieren können.
Oriane Joublin hebt die Motivationswirkung hervor: „Gamification macht Fortschritt sichtbar, und sichtbarer Fortschritt hält die Motivation hoch."
Dozentin Julia Weber bestätigt diesen positiven Effekt im Unterrichtsalltag: „Durch den hohen Spaßfaktor setzen sich die Auszubildenden viel häufiger und lieber eigenständig mit dem Lernmaterial auseinander. Sie können ihr eigenes Tempo wählen, Theorie und Praxis verknüpfen und bekommen ein ganz sachliches Feedback ohne Emotionen – das spornt an und nimmt den Druck“.
Ausblick: Vom OP-Saal-Check bis zur 3D-Anatomie
Aktuell fokussiert sich die Anwendung auf Instrumentenkunde und das Richten des OP-Tischs. Die Roadmap der Entwickler sieht vor, in Zukunft einen kompletten virtuellen OP-Saal für Sicherheits- und Saalchecks sowie komplexe OP-Abläufe zu simulieren. Kursleiter Marcel Keller hat zudem einen besonderen Wunsch für künftige Updates geäußert: Ein integriertes 3D-Anatomie-Modul. Da die Anatomie das Fundament jeder Ausbildung bildet, würde die Kombination aus virtueller Gewebelehre und Instrumentenpraxis den perfekten digitalen Lernraum schaffen.
Spannende Perspektiven für Bewerberinnen und Bewerber
Die Kombination aus VR-Technologie, gezielter Gamification, ressourcenschonendem Lernen und aktiver Produktmitgestaltung macht die Ausbildung an der AKADEMIE² hochattraktiv. „Wer sich für eine Karriere im OP entscheidet, findet bei uns nicht nur beste fachliche Bedingungen, sondern lernt von Tag eins an mit den Werkzeugen der Zukunft“, betont AKADEMIE²-Geschäftsführer Andreas Heck.




